20 Jahre TG Triathlon

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Nackte Hintern recken sich ins Sonnenlicht. Wir befinden uns auf einem abgesperrten Parkplatz in Darmstadt. An der Absperrung stehen Zuschauer, die mit ihren Anfeuerungsrufen die atemlosen Besitzer der unbedeckten Hinterteile zur Eile mahnen. Was nach Verfall der Sitten klingt, war vor zwanzig Jahren durchaus ein übliches Bild in der Wechselzone des Bürgerpark-Triathlons. Nach dem Schwimmen zum Fahrrad rennen, Badehose ausziehen, abtrocknen, Radkleidung über die feuchte Haut und Helm über den Kopf stülpen bildete den Start in die zweite Disziplin eines Triathlons.

 

Eine ähnliche Beschreibung findet sich auch in der zweiten Ausgabe des TG-Kuriers aus dem Jahr 1990. Einige Zeilen weiter oben weist der betreffende Beitrag auf die Gründung der Triathlon-Abteilung innerhalb der TG am 20.06.1990 hin. Zwanzig Jahre TG Tria Rüsselsheim – dies sollte Anlass genug für einen kurzen Rückblick sein. Zwei Jahre zuvor, im Jahre 1988, zeigte sich die TG als jungen und weitgehend unbekannten Sportarten gegenüber aufgeschlossen und unterstützte die Bildung einer ca. zehnköpfigen Triathlon-Sparte innerhalb der Abteilung Leichtathletik. Unter anderem dem damaligen Vereinsvorsitzenden Kurt R. Lange ist es zu verdanken, dass aus der wachsenden Sparte eine eigene Abteilung wurde. Heute zählen sich über 90 Sportler zu den TG Triathleten, von den Gründungsmitgliedern sind immerhin noch drei aktiv dabei. Und gerade diese drei können ein Lied davon singen, welche Entwicklungssprünge der Ausdauerdreikampf vollzogen hat. Moderne Funktionskleidung ist im Wasser gleitfähig und enganliegend, trocknet schnell und ist mit einem kleinen Sitzpolster für den Komfort auf dem Fahrradsattel ausgestattet. Während Bodo Wolf als erster Iron-Man unserer Abteilung noch in sein Baumwollhemdchen schlüpfte, verliert er heute seine Zeit nicht mehr mit dem Abfrottieren der Gesäßbacken. Zumindestens im Wettkampf, wenn er denn an einem teilnimmt. Das Wechseln der Kleidung zwischen den Disziplinen ist keine Notwendigkeit mehr.

 

 

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Mitgründerin Uschi Östreich kann sich ebenfalls sehr am Fortschritt erfreuen. Speziell auf das Zeitfahren ausgerichtete Fahrräder waren in den 80ern schwer erhältlich. Die stählernen Renner der Bauart „Rudi Altig“ mussten mit meist aus den USA importierten Bauteilen umgerüstet werden. Eine nach vorn geknickte Sattelstütze und ein Lenker, der jeden Rehbock in die Flucht treibt, sollten den Windwiderstand des Radlers reduzieren. Die farbliche Gestaltung von Material und  Fahrerkleidung war der damaligen Mode angepaßt. Während zur gleichen Zeit unter modischen Normalbürgern endlich die Schulterpolster aus den Jacken verschwanden, trieben die Radtrikots das Wasser in die Augen. Und das lag nicht am Geruch. Zugegeben, auch Picasso experimentierte mit Farbkombinationen, begab sich mit seinen Leinwänden aber nicht in den Straßenverkehr. Die Kombination aus Triathlet und Fahrrad auf Trainingsfahrt ersparte vielen Passanten den Zoobesuch. Vermutlich weil Tierparks auch überleben müssen, ist die heutig dominierende Farbe in der Radwelt schwarz. Wenn heute also eines dieser modernen muskelbetriebenen Karbonflugzeuge durch den Ort rauscht, heißt der tief geduckte Athlet schlicht „Radfahrer“. Die Situation hat sich normalisiert, der Rad- und Triathlonsport hat eine große Verbreitung gefunden. Dies erleichtert Vieles, nicht nur die Materialbeschaffung. In den Anfangsjahren des TG-Triathlons waren speziell auf den Ausdauer-Dreikampf ausgerichtete Trainingspläne eine Seltenheit. Mitgründer Bernd Burow brachte zwar viel Wissen aus seiner Zeit als Leichtathlet mit, die Kombination mit den beiden anderen Disziplinen war aber auch für ihn eine Herausforderung. Er und die anderen experimentierten viel und mussten oft Lehrgeld zahlen. Bei selbst organisierten Trainingslagern im warmen Südeuropa testete jeder seine Belastungsgrenzen – mit dem Erfolg, dass am Anfang zu viel trainiert wurde und am Ende die Kraft ausging. Heute haben sich zwar die Trainingsumfänge verdreifacht und Ratgeber im Internet leicht zu finden, doch die Einteilung der eigenen Fitness gelingt manchen immer noch nicht. Wie Bernd Burow vor zwanzig Jahren sind heute noch viele ein Fan des HSV – Haupt-Sache Viel!

 

Die Not der mangelnden Trainingsanleitung mündete auch im ausgiebigen Krafttraining. Der Fitnessraum der Walter Köbel Halle war schon Zeuge vieler Grenzerfahrungen. Um es sich etwas einfacher zu gestalten, wurden die Gewichte ihrer Masse folgend nach Backwaren benannt. Da war dann vom Keks bis zum Schwarzbrot individuell alles vorhanden. Wenn am Tag nach so einer gusseisernen Einheit Schwimmtraining auf dem Plan stand und der schwere Arm an der Wasseroberfläche hängen blieb, stellte sich schon mal die Frage nach der Verträglichkeit von Vollkornprodukten. Vielleicht ist es auch nicht förderlich, gleichzeitig mit Judokas und den Spielern einer American Football-Mannschaft zu trainieren.

 

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Für das Schwimmtraining stand übrigens anfangs nur eine Bahn im Lachebad zur Verfügung. Bei 12 Sportlern mit unterschiedlichem Schwimmvermögen kann hier durchaus von einem wettkampfspezifischen Training gesprochen werden. Gewonnen hatten diejenigen, die in den Trainingspausen einen Platz zum Festhalten an der Stirnwand fanden. Langsamere Schwimmer übten sich dann im Wassertreten und versuchten das geschluckte Wasser hustend wieder loszuwerden. Ähnlich muss es wohl geklungen haben, als im Freibad ein Wettkampfstart geprobt werden sollte. Aufgereiht im Schwimmbecken, die langsamen Schwimmer vorn, die schnellen hinten, sollte die Hektik und Enge nach dem Startschuss simuliert werden. Das ist wohl sehr gut gelungen, denn ein Teilnehmer musste mit gebrochener Nase das nahe liegende Krankenhaus aufsuchen. Gelernt haben wir daraus eher nichts, nur das solche Verletzungen später nicht mehr vorkamen.

 

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Ein geradezu Verletzungs-vorbeugender Lernerfolg soll hier aber noch Erwähnung finden. Seltsamerweise spielten sich diese Szenen auf und um den anfangs erwähnten Parkplatz in Darmstadt ab. Robert Michel sucht seinen Fahrradcomputer. Sein Fahrrad steht schon auf seinem Wechselplatz bereit, um nach dem Schwimmen im Wettkampf ergriffen zu werden. Zum Schutz der Tachometer während des Radtransports im Auto werden diese oft vom Lenker genommen und kratz-sicher verstaut. Robert Michel hatte den Tacho sehr sicher verstaut, er fand ihn einfach nicht. Die Radstrecke des Bürgerpark-Triathlons musste ohne eigene Geschwindigkeitsmessung erkämpft werden. In aussichtsreicher Position liegend wechselt unser Tachoschützer atemlos nach dem Radfahren mit klammen Füßen in die Laufschuhe. Einer eigenen Kampfansage Bodo Wolf gegenüber folgend war die erste Laufrunde in hohem Tempo fast absolviert, als mit dem Gefühl in den Füßen auch die Schmerzen kamen. Wieso ist der rechte Schuh plötzlich zu klein? Was tun: Weiterhumpeln oder Anhalten und den Vereinskollegen vorbeilassen? Es half nichts, die Schmerzen waren zu groß, der Schuh musste vom Fuß. Was dann blutverschmiert aus dem Schuh fiel, kann sich der Leser wohl denken. Trotz Zwangspause hat Robert Michel Bodo Wolf bei diesem Wettkampf noch eingeholt. Die Anekdote verfolgt ihn noch bis heute und gehört zur 20-jährigen Abteilungsgeschichte wie viele weitere Geschichten auch, die hier unerwähnt bleiben müssen. Was wir daraus gelernt haben? Lieber einen nackten Hintern in die Sonne strecken als einen Tacho in den Laufschuh stecken.

Uwe Münch