Fünfzehnte Etappe vom NC4K von Repvåg ans Nordkap 85,98km 1.123hm 4:14:05Std.
Die letzten Kilometer zum Nordkap
Vor 14 Tagen begann unser bislang größtes Abenteuer in Rovereto. Gemeinsam mit 350 weiteren Mitstreitern machten wir uns auf den Weg zum nördlichsten Punkt Europas. Damals schien das Ziel noch weit entfernt und niemand konnte wirklich sagen, was uns unterwegs erwarten würde oder welche Erlebnisse diese Reise für uns bereithalten würde. Es war der Aufbruch zu einem großen Abenteuer – hinaus aus der Komfortzone und fernab der gewohnten Gesellschaft.
Nun, nach all den zurückgelegten Kilometern, sind es nur noch 85 Kilometer bis zum großen Ziel. Es ist kaum zu glauben, dass wir bereits über 3.900 Kilometer hinter uns gebracht haben – und das mit nur einem einzigen Platten unterwegs. Diese Reise hat uns gelehrt, sich immer wieder auf neue Situationen und Bedingungen einzulassen und sie zu akzeptieren, sofern man sie nicht aus eigener Kraft ändern kann. Ich denke, das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man für so ein Unterfangen mitbringen muss. Andernfalls ist das Scheitern beinahe vorprogrammiert.
Wir haben das ziemlich gut gemeistert, insbesondere bei dem vielen Regen. Natürlich gab es Momente, in denen ich geflucht und geschimpft habe, aber niemals habe ich ans Aufgeben gedacht. #nevergiveup
Nach einer erholsamen Nacht stand ich bewusst etwas früher auf, um die Natur, die Ruhe und die besondere Stimmung des Morgens zu genießen. Die Sonne stand bereits am Himmel und der Tag versprach, großartig zu werden. Ich kletterte auf einen kleinen Hügel, genoss die Aussicht und ließ die bisherige Tour Revue passieren – dabei kamen mir die Tränen. Es war ein sehr emotionaler Moment, denn die Umgebung strahlte eine unglaubliche Energie und Kraft aus. Diesen Augenblick werde ich immer in Erinnerung behalten.
Einerseits wollte ich am liebsten noch länger bleiben, andererseits lockte das Nordkap. Also hieß es wieder, rauf auf den Bock, um die letzten Kilometer intensiv aufzunehmen und zu genießen. Das Wetter war traumhaft, die Straßen perfekt und auch das nächste Highlight wartete bereits, der legendäre Nordkaptunnel. Sieben Kilometer mit neun Prozent Gefälle führten bis zu 212 Meter unter den Meeresspiegel, anschließend geht es mit gleicher Steigung wieder zurück ans Tageslicht.
Ich muss zugeben, davor hatte ich etwas Bammel. Der Tunnel sollte kalt, laut und lang sein. Deshalb zog ich vor dem Eingang noch einmal die Regenjacke und die langen Handschuhe an. Drinnen war es tatsächlich kalt und laut, vor allem wenn sich ein Auto näherte. Spätestens beim Anstieg war es aber mit der Kälte vorbei.
Nach sieben Kilometern erreichten wir schließlich das Ende des Tunnels – eine Erleichterung für mich, denn Tunneldurchfahrten, insbesondere mit dem Fahrrad auf 212 Metern unter dem Meeresspiegel, sind wahrlich nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Kaum wieder an der frischen Luft, zogen wir auch direkt die Regenjacken aus und verstauten sie ein letztes Mal in der „Arschrakete“, in dem Bewusstsein, sie so schnell nicht mehr zu benötigen.
Vor uns lagen noch etwa 45 Kilometer bis zum Nordkap, doch die letzten 30 Kilometer hatten es in sich: Rund 700 Höhenmeter wollten noch überwunden werden. Ab Honningsvåg wurde es richtig anspruchsvoll – ganz nach dem Motto: „Das müsst ihr euch verdienen.“ Also schalteten wir erneut auf die kleinen Gänge und kurbelten Meter um Meter nach oben. Als wäre das nicht schon genug Herausforderung, blies uns der Wind auf dem Hochplateau kräftig von der Seite entgegen. Teilweise mussten wir uns in Schräglage vorwärtskämpfen, doch auch das konnte uns nicht aufhalten.
Schließlich erschien am Horizont die markante weiße Kugel – das ersehnte Ziel war nah. Aus der Ferne hörten wir Madlen, die uns lautstark begrüßte. Sie war mitten in der Nacht gestartet, hatte uns unterwegs überholt und empfing uns nun am Ziel. Die Freude über das Wiedersehen war riesig, denn wir hatten uns am Anstieg zum Brenner verloren und trafen uns nun am Ende Europas wieder. Es war ein herrlicher Moment. Gemeinsam posierten wir am Globus für das finale Foto.
Wir hatten es tatsächlich geschafft: 4.000 Kilometer, 28.000 Höhenmeter, acht Länder – ein unvergessliches Abenteuer. Ich bin überglücklich und stolz, das erlebt haben zu dürfen.
Nach dem Foto an der Weltkugel, begaben wir uns zum Infocenter, kauften uns zwei Eintrittskarten und bekamen endlich den lang ersehnten, finalen Stempel in unser Stempelheft. Nun waren wir offiziell Finisher des @northcape4000.
So richtig realisieren konnte ich diesen Moment zunächst nicht – dafür brauchte es noch einige Tage. Besonders freute ich mich, als Fabio eigens zum Kap hinaufkam, um uns zu begrüßen – eine wunderbare Überraschung. Ein paar schnelle Fotos mit dem offiziellen Fotografen, dann ging es ins Restaurant, wo wir gemeinsam mit anderen Teilnehmern bei frisch gebackenen Waffeln, Bagels und einem köstlichen Cappuccino auf unser Erlebtes anstießen und Geschichten austauschten. Immer mehr Teilnehmer trafen ein, und wir genossen jede Sekunde in geselliger Runde.
Mir ist bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, ein solches Abenteuer erleben zu dürfen. Einerseits braucht es Gesundheit und Fitness, andererseits – und vor allem – eine Partnerin, die mir die Freiheit lässt, solche verrückten Geschichten zu verwirklichen. Danke, mein Schatz!
Ein großes Dankeschön geht auch nochmal raus, an alle die mich so unermüdlich angefeuert und in schwierigen Situationen wieder aufgebaut haben.


Hier mal ein kleiner Auszug der Reimkunst von Natalie:
Noch sind sie nicht am Kap ganz oben,
Obwohl ihr Rad sie gar nie schoben.
Im Gegenteil, schon fast sind s‘ g’flogen
In Rovereto doch grad losgestoben.
Respekt, was sie da beide leisten
Wem ich’s erzählt‘, die G’sichtszüg gleich entgleisten.
Nun hat die Schwere langsam eingesetzt,
Der Arsch ist auch schon angewetzt
Und trotzdem fahr’n die beiden weiter
Von breitem Grad zu wen’ger breiter.
Nach Tagen nun langsam der Ober
Schenkel schmerzt wie, wenn der Dober
Mann hineinbeißt und nicht loslässt
Während Regen noch von oben grob nässt.
„Jörg“, sagt Ingo, “ ich hab Aua,
ach was soll’s, s’ist nicht von Dauer.“
Bei sich er denkt doch ab und an,
schon an seine Badewann‘.
„Ingo“, sagt der Jörg und nickt,
“ bei mir’s auch schon ganz schön zwickt.“
Doch Jörg und Ingo ham ein Ziel,
Für viele andre wär’s zu viel.
Nicht für unsre beiden harten
Burschen, die erst recht durchstarten.
Drum lasst uns weiter sie anfeuern,
Mentale Kraft ihnen beteuern,
Damit sie weiter froh das packen,
Wo andre auf der Couch versacken.
Davon gab es im Verlauf der Reise noch viele weitere besondere Momente, die jedes Mal ein echtes Highlight darstellten. Nachdem wir einen weiteren ereignisreichen Tag erlebt hatten, machten wir uns schließlich auf den Weg nach Honningsvåg. Am Abend trafen wir uns dort mit Fabio und Madlen zu einem gemeinsamen Abendessen. Wir genossen die angenehme Gesellschaft und ließen den Tag in entspannter Runde ausklingen. Satt und zufrieden gingen wir später ins Bett, mit dem beruhigenden Wissen, am nächsten Morgen ausnahmsweise einmal nicht so früh aufstehen zu müssen.
